Die Paradoxie des Submissiven: Warum Dominanz im normalen Umgang und Unterwerfung kein Widerspruch sind
Durch einige Freunde und Bekannte wurde ich auf ein Paradox aufmerksam gemacht, welches sie vor allem bei mir gesehen haben, und zwar, dass ich für sie im bisherigen normalen Umgang mit denen sehr dominant wirke, mich jedoch gleichzeitig in meinem tiefsten Inneren nach Unterwerfung, Führung, "Eigentum-sein", "Sklave-sein" sehne. Viele haben mir gesagt, dass sie dies einfach nicht verstehen können, zumal ich teils sogar meine klaren Gedanken als Form in Blogposts und in anderen Texten veröffentlicht habe, was sie auch als dominant beziehungsweise fordernd empfinden. Und diesmal verweise ich auch nun mal auf einige Quellen, die diese Sichtweise unterstützen, um zu zeigen, dass es sich hierbei nicht um eine Einzelfallmeinung von mir selbst handelt.
In Wahrheit ist es jedoch kein Widerspruch, sondern ein weit verbreitetes Missverständnis, dass das scheinbare dominante Auftreten im sozialen Umfeld und eine tief innerlich verankerte Sehnsucht nach Submissivität nicht zusammenpassen. Was im sozialen Umfeld als Dominanz wahrgenommen wird, ist schlicht oft nur eine funktionale Fassade und ein erlerntes Verhalten, um im Leben und im Alltag zu funktionieren und voranzukommen. Diese Außenwirkung ist jedoch nicht das, was einen Menschen im tiefsten Inneren ausmacht.
Die Realität ist hier aus meiner Sicht um einiges vielschichtiger und komplexer, als es Stereotypen vermuten lassen. Viele (aber natürlich nicht alle) Submissive, die im BDSM-Kontext die Kontrolle abgeben, sind im normalen Umgang, vor allem im Berufsleben oder bei Dingen welche denen sehr am Herzen liegen, sehr kontrollierend, wettbewerbsorientiert oder gar Führungspersönlichkeiten. Sie können Anwälte, Manager oder andere Führungskräfte sein, die beruflich dominant auftreten, aber im restlichen Leben die totale Unterwerfung suchen (Hébert & Weaver 2015: "I know a lot of slaves that, outside of their D/s relationship are very dominant, are attorneys, are leaders in the community"; Lexikon: BDSM – psychologen.at, S. 2; Beziehungsdoktor-Forum: Dominanter Sub oder submissiver Dom?; Reddit: r/AutismInWomen).
Des Weiteren gibt es hier auch die Unterscheidung zwischen "Subs", "Sklaven" und "Switches". Während "Subs" und "Sklaven" in der Regel eine klare Neigung zur Unterwerfung haben, können "Switches" sowohl dominante als auch submissive Rollen einnehmen, je nach Situation oder Partner. Dies wird in der BDSM-Szene immer mehr akzeptiert und ist weit verbreitet (Lexikon: BDSM – psychologen.at, S. 5). Jedoch können auch "Subs" und "Sklaven" im normalen Umgang ausserhalb des BDSM-Kontextes, zumindest in dem bisherigen, dominant wirken, ohne dass dies ihre tiefere Sehnsucht nach Unterwerfung mindert (Hébert & Weaver 2015: "Almost all participants named personality characteristics that were congruent with their roles, as well as traits that were incongruent"). In meinem Fall heißt das konkret: Auch wenn ich im bisherigen normalen Umgang für andere oft als dominant wahrgenommen werde, sehe ich mich hierbei jedoch im meinen tiefsten Inneren nicht als "Switch", sondern als "Sklave" oder "Beta", der sich nach einer Herrschaft sehnt, die ihn führt und ihm klare Regeln gibt, mit der Befugnis, diese Regeln auch zu ändern.
Viele Menschen, die im (bisherigen) normalen Umgang oft als dominant erscheinen, tun dies aus Notwendigkeit und auch nicht aus innerem Wunsch. Sondern sie haben gelernt, in der Welt klarzukommen, indem sie eine dominante Fassade aufrechterhalten. Dies kann mit einem Schauspieler verglichen werden, der eine Rolle spielt, die er nicht wirklich ist (Hébert & Weaver 2015: "I tend to be very in charge […] but it’s fun to play at not having the power"). Diese Fassade ist oft eine Art von einem Schutzmechanismus, der über Jahre kultiviert wurde, um sich im normalen Leben zu behaupten (Hébert & Weaver 2015: "You can’t exchange something you don’t have […] we actually have a lot of power in our personal and professional life").
Und Submissive, welche ihre Gedanken und Vorstellungen offenlegen, wie sie sich ihre Unterwerfung vorstellen, tun dies meiner Meinung nach in der Regel, wie in meinem eigenen Fall, auch nicht aus Dominanz, sondern ganz schlicht und einfach um Klarheit zu schaffen, um die eigenen Gedanken dazu ganz genau klar und deutlich sichtbar zu machen, und um anderen die Möglichkeit zu geben, zu entscheiden, ob sie sich darauf einlassen möchten. Es ist ein Ausdruck von Offenheit und Transparenz,und nicht von Dominanz, Forderung oder Kontrolle. In meinem Fall sind meine Blogposts und Texte also nicht als forderndes "So muss es sein" oder "Topping from the bottom" zu verstehen, sondern eher als ein "Braindump" und ein "Das wäre für mich eine Möglichkeit von vielen, wie ich mir das vorstellen könnte", welches sich im Miteinander ohnehin stetig verändern und entwickeln muss. Ich lege hier halt viel Wert auf Kommunikation und Offenheit, um Missverständnisse zu vermeiden und um sicherzustellen, dass alle Beteiligten auf derselben Seite sind, auch aus Sicht der Sicherheit und des Konsens.
Ich hoffe, dass ich mit diesem Text es ein Stück weit verständlicher machen konnte, warum ein scheinbar dominantes Auftreten im (bisherigen) normalen Umgang und eine tiefe Sehnsucht nach Unterwerfung an sich kein Widerspruch sein muss, und dass es generell im Allgemeinen auch keine Aussage über die tiefere innere Haltung eines Menschen aussagt, was und wie der innenlich ist. Denn letztendlich geht es hier doch nur primär ja darum, dass jeder Mensch seine eigenen Bedürfnisse und Wünsche hat, und dass es wichtig ist, diese offen zu kommunizieren und zu respektieren. Dabei ist es doch auch völlig egal, ob jemand im eigentlichen Kern innendrin devot oder dominant ist, solange der jeweilige das findet, was er oder sie für sich sucht. Ein im BDSM-Kontext Submissiver kann also durchaus im normalen Umgang als dominant wirken, und ein im BDSM-Kontext Dominanter kann im normalen Umgang aber wiederum auch submissiv sein oder zumindest als so wirken. Es ist "fluid" sowie kontextabhängig. Jeder Mensch muss ganz einfach für sich selbst herausfinden, was für ihn oder sie am besten funktioniert. Und das kann sich halt im Laufe der Zeit auch ändern, und das ist auch völlig in Ordnung.
Unter dem Strich bedeutet für mich persönlich "devot sein" nicht Schwäche, sondern viel mehr Stärke, dass ich in der Lage bin, meine eigenen Bedürfnisse und Wünsche zu erkennen und zu akzeptieren, und dass ich die Kraft habe, mich bewusst zu unterwerfen, sowie dass das auch kein Widerspruch zu einem starken und dominanten Auftreten im (bisherigen) normalen Umgang mit anderen Personen ausserhalb des BDSM-Kontextes ist.